Weisheit gestern und heute

Früher war Weisheit das Produkt eines langen Lebens:
– Erfahrung und Bildung musste über Jahre hinweg gesammelt und per Reflexion ausgewertet werden, ehe sich diese Höchstform des Wissens bilden konnte.
– Die so gewonnene Weisheit konnte schriftlich festgehalten und als wertvolle Konserve an nachfolgende Generationen weiter gegeben werden.
Wie lebe ich ein gutes Leben? Von den geübten Lebensprofis konnten Jüngere so lernen.
Heute geht das mit der Weisheit alles viel einfacher und schneller:
– Es gibt eine Unmenge an Sprüchen, die als weise gelten.
– Sie zu beschaffen, ist auch kein Problem: die sozialen Netzwerke werden von diesen Sprüchen überschwemmt.
Aber ob sie alle Weisheit enthalten und helfen ein gutes Leben zu führen?

Beispiel: Umgang mit Schuld

Hier ein prominentes Beispiel der heutigen Art von Lebensberatung:

Das Problem, wie wir Menschen mit Schuld weiterleben können, ist so alt wie die Menschheit.
Die christliche Religion entwickelte ein ausgefeiltes System mit Schuld umzugehen:
– Im Zentrum stand das ehrliche Bedauern,
– das zum lauten Aussprechen der Verfehlung vor dem Beichtvater führte.
– Der Beichtvater nahm dann die Entschuldigung an – stellvertretend, z.B. für den Menschen, an dem der Beichtende schuldig geworden war. Im Namen Gottes wurde die Vergebung zugesprochen – die Entschuldigung angenommen.
– Dem so wieder geheilte Sünder konnte nun zugemutet werden, den durch sein Verhalten entstandenen Schaden wieder gut zu machen.
Der Protestantismus hat leider mit seiner im 16. Jahrhundert berechtigten Kritik an der Institution der Beichte das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und beim eigenen Beichtformular die satisfactio operis großzügig weggelassen.
Die Folge davon war, dass der Umgang mit Schuld gesamtgesellschaftlich verlernt wurde – das Ergebnis sehen wir in solchen „Weisen“ Sprüchen die dem obigen:
– Der Spruch kennt keine satisfactio operis.
– Er kommt daher zum Schluss, dass Entschuldigungen sinnlos sind. Denn eine Entschuldigung ändert ja nichts an der Tatsache, dass das Glas kaputt ist.
Klingt völlig logisch – doch leider wird hier eine Banalität als Weisheit verkauft und der Wert einer ehrlichen Entschuldigung heruntergespielt. Die vom Protestantismus stets unterbeleuchteten „guten Werke“ gehören jedoch zur ehrlich gemeinten Entschuldigung mit dazu.

Es geht um Gemeinschaft

Sünde zerstört Gemeinschaft. Die Beichte sollte diese auf zwei Wegen wiederherstellen:
– Der Sünder erhält durch die Annahme seiner Entschuldigung seine Würde zurück – vor sich selbst und vor anderen, schlussendlich vor Gott.
– Dadurch ist es ihm möglich, den Schaden wieder gut zu machen, der durch sein Sündigen entstanden ist.

Und das Glas?

Das bleibt kaputt.
Natürlich.
Aber vielleicht kauft der Glas-Runterschmeißer ja ein Neues 😉